Selten hat die Textzeile besser gepasst, denn am Aschermittwoch war tatsächlich alles vorbei. Der letzte „Zoch“ mit Tanzpartnerin Svenja Klupsch auf der Kutsche, die letzte Runde als Tanzoffizier auch am Dienstag durch Nippes. Doch zugleich galt auch hier: „Niemals geht man so ganz…“ Eine Schmonzette, die gerade im Karneval wirklich oft genug auf dem Plattenteller liegt. In diesem Falle völlig zu Recht. Immerhin bleibt Niklas Wilske nach seinem Rücktritt aus der ersten Reihe „ganz normales Mitglied, in der Wache natürlich“.
Der innere Zwiespalt war mit Händen greifbar. Da stand einer am Freitag, dem Dreizehnten, ein letztes Mal in seiner geliebten und geschätzten Funktion auf der Bühne – zwischen Lachen und Weinen, zwischen Kopf und Bauch, zwischen Verbundenheit und Verabschiedung. „Beim besten Willen kann ich noch nicht sagen, was an Aschermittwoch überwiegt“, erklärte Niklas Wilske, der mit Ende der vergangenen Session aus seinem „Job“ als Tanzoffizier der Nippeser Bürgerwehr ausgeschieden ist, da er und seine Frau nach ihrer Hochzeit im vorangegangenen Mai nun Nachwuchs erwarteten, der sich jederzeit in den Reihen der „Appelsinefunke“ anmelden konnte.
Für den „Appelsinefunk“, Jahrgang 1995, mit Arbeitsplatz in Leverkusen, bleibt ein zugleich bewegter wie bewegender Blick „in den Rückspiegel“, auf eine Tätigkeit respektive Funktion, die im Frühjahr 2020 ihren Anfang nahm. Seit ewig und drei Tagen war Niklas Wilske damals, bei seiner Bewerbung, im Karneval als Tänzer unterwegs, zuletzt bei den „Höppemötzjer“. Er war jedoch immer in lockerem, freundschaftlichem Kontakt mit der Bürgerwehr, namentlich über seine spätere Tanzpartnerin Christina „Stina“ Pohl, aber ebenfalls via Patrick Karolus, einen seiner Vorgänger im „Amt“.
Der Wunsch, irgendwann Tanzoffizier in einem Traditionscorps zu werden (am liebsten in den orangen Farben), war bei ihm schon seit langem vorhanden. „Als die Stelle Aschermittwoch 2020 mit dem Abschied von Marc Schumacher frei wurde, war somit eine Bewerbung meinerseits ganz selbstverständlich. Ich kannte die Bürgerwehr, ich kannte Mario Moersch, dazu einige Jungs aus der Wache.“ Und so wusste der spätere Tanzoffizier, dass „sie alle in der Bürgerwehr genau meine Werte leben und so Karneval feiern, wie ich mir es vorstelle“.
Es folgte das Bewerbungsverfahren (wegen der Pandemie per Video), das er zuversichtlich durchlaufen und hierbei ein halbes Dutzend Mitbewerber hinter sich gelassen hat. „Wenige Tage später erhielt ich einen Anruf von Mario, dass ich künftig deutlich weniger Zeit hätte als bisher… neben Training, Training, Training und Auftritt, Auftritt, Auftritt als neuer Tanzoffizier der Bürgerwehr.“ Übrigens war Niklas Wilske nicht der erste „Transfer“ aus den Reihen der „Höppemötzjer“ zu den „Appelsinefunke“. „Für mich war das dank der exzellenten Grundausbildung die beste Vorbereitung, die ich haben konnte für die Bewerbung höheren Orts“.
Stichwort Grundausbildung: Was bedarf es da im Besonderen, um Tanzoffizier zu werden? „Ganz viel Ausstrahlung, dazu ein bisschen darstellerisches Können, ferner Gespür für die Bühnenfläche und Blick auf den verfügbaren Raum. Denn anders als in der Tanzgruppe bewegen die Jungs sich um einen herum. Daneben muss ein Tanzpaar ebenfalls allein die Bühne füllen können.“ Und die Technik? Schritte und Hebungen sollten im Grunde Standard sein. „Bühnenpräsenz ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar, aber ein Grundtalent sollte gegeben sein.“ Das sei ähnlich wie das Ballgefühl in Ballsportarten, ganz gleich, ob der Ball mit Füßen oder Händen gespielt werde.
Angefangen hat er unter Jens Hermes als Trainer, der das Tanzpaar später an Anna-Sophie Sahm übergab. Sie war bis 2023 immerhin zwölf Jahre lang Regimentstochter der Ehrengarde. Anschließend trainierten Niklas Wilske und Svenja Klupsch knapp zwei Jahre unter der „Regie“ von Steffi Scharfe. Das Zusammenwirken in einer Dreiergemeinschaft, also Tanzpaar mit Trainerin (quasi ein tänzerisches Trifolium), hat für ihn „ganz viel mit Vertrauen zu tun“. Das Paar stand mindestens einmal in der Woche allein mit seiner Trainerin in der Halle, hinzu kam das Training mit der Wache. „Da muss jeder jederzeit über alles reden können – im verlässlichen Wissen, dass alles, was in der Halle geredet wird, die Halle niemals verlässt.“
Auch zwischen den beiden Tanzpartnern ist eine sehr, sehr enge menschliche Bindung die Grundlage für die sportliche Leistung. „Steffi merkte genau, wie wir unter der Woche drauf waren – und dann entweder pushte oder aber bremste“, umriss Niklas Wilske das Teamwork. „Training ist vor allem auch Willenssache. Gerade an Tagen, wo ich nicht so gut drauf bin, sollte es Steffi halt gelingen, mich zusätzlich zu motivieren, um mich möglichst nahe an hundert Prozent zu bringen. An anderen Tagen liefern wir schon nach wenigen Minuten aus eigenem Antrieb über Soll ab.“ Was aber in beide Richtungen funktionierte, heißt: „auch wir mussten Steffi zwischendurch schon mal aufmuntern, weil sie nicht so gut drauf war – das muss halt wachsen“. Heißt übersetzt: Neben einer herausfordernder Choreografie war ebenfalls sehr viel Psychologie im Spiel.
Angefangen hat er in der Session 2020/21 mit Christina „Stina“ Pohl. Nach deren Abschied an Aschermittwoch 2023 saß er mit in der Runde, die die Nachfolgerin „ausguckte“. Hierbei durfte er im Zuge des Bewerbungsprozesses „meine persönlichen Vorbehalte und/oder Vorlieben äußern“. Dabei hatte er immer die Frage im Hinterkopf, wie es auf der Bühne und im Alltag bestmöglich funktioniert. Aber kein Problem! „Schnell war erkennbar, dass Svenja alle Voraussetzungen für eine souveräne Partnerin auf Augenhöhe mitbrachte.“
Aber was genau sollte eine (neue) Marie mitbringen – neben ihren tänzerischen Qualitäten, wohlgemerkt! „Natürlichkeit und Charme sind sehr wichtig, ebenfalls ganz viel Humor.“ Vor allem im Wissen, dass der erste dümmliche Macho-Spruch aus Wachekreisen meist nicht lange auf sich warten lässt. „Da konnte Svenja immer schnell und präzise kontern. Nicht nur mit einem entwaffnenden Lächeln, sondern notfalls auch mit einer verbalen Pointe.“ Für Niklas Wilke ist klar: „Ohne das nötige Selbstbewusstsein als einzige Frau im Corps geht gar nichts. Die Marie lässt sich zwar gerne auf Händen tragen, muss sich aber ebenfalls behaupten können.“ Kurzum: Es geht um die passgenaue Balance zwischen Gelassenheit und Stehvermögen.
Mit dem Alleinstellungsmerkmal „Tanzpaar in einem Traditionscorps“ zählten Niklas Wilske und Svenja Klupsch zu einem recht erlesenen Kreis, der gerade mal neun Paare zählt. „Es gab oder gibt kein oder nur ganz wenig Konkurrenzdenken, selbst wenn sich jedes Tanzpaar durchaus freut, wenn es zur neuen Session als vielleicht einziges ein neues Element zeigen kann.“ Zu den anderen Tanzpaaren unterhielten beide diverse Kontakte, die von eher zwanglosen Begegnungen bis hin zum engeren Austausch reichen.
Im letzten Jahr seiner „Karriere“ stand Niklas Wilske vor einer besonderen Herausforderung, sprich: einem komplett neuen Tanz zu gänzlich neuer Musik. „Das war in der Tat recht fordernd und spannend, aber zugleich auch interessant, da so erst gar nicht die Gefahr bestand, womöglich im jährlichen Trott zu verharren“, war er rückblickend „dankbar für diese unerwartete Chance“. Lieder, Schrittfolgen, Hebungen… das alles habe sich nach und nach zusammengefügt. „Anfangs tanzte Steffi noch viel vor und sogar mit, doch irgendwann war alles gespeichert.“
Weniger positiv sind seine Erinnerungen an die vorherige Session, wo er nach einer Operation im Herbst erst recht spät in die entscheidende Trainingsphase einsteigen konnte. Zugleich war es für Niklas Wilske „eine frohe Erfahrung, wie die Jungs meinen Ausfall kompensiert haben“. Marcel Moersch, Marcel Mai und Christian Kirfel haben da „in kurzer Zeit gemeinsam mit unserer Trainerin wirklich Erstaunliches geleistet – und mir so vor allem die Chance eröffnet, erst wieder auf der Bühne zu stehen, als ich definitiv fit war“.
An Aschermittwoch trat er also in die zweite Reihe, weil er, wie eingangs angemerkt, Vater wurde. „Zum Glück hat sich unser Sohn ein wenig Zeit gelassen, wollte offenbar den jecken Trubel vorbeiziehen lassen, so dass ich die Session wirklich bis zuletzt in vollen Zügen genießen konnte“.
Dass sich die Aufgabe als Tanzoffizier und die Verantwortung als Vater nur sehr, sehr schwer kombinieren lassen, zeigt ein Blick in die „dienstliche“ Agenda eines Traditionscorps. Als Tanzoffizier war er mindestens dreimal in der Woche im Einsatz, zunächst ab April beim Training, zusätzlich ab dem Sommer bei diversen Festen, Treffen, Versammlungen, Stammtischen, Einladungen… Ganz zu schweigen von den Monaten Januar und Februar. „Letztlich waren Svenja und ich teils drei bis sechs Mal in der Woche unterwegs.“ Im Blick zurück auf eine solch intensive Agenda wollte er weder seine karnevalistische Familie bei den „Appelsinefunke“ noch seine private Familie in Leverkusen vernachlässigen. Dessen ungeachtet steht er „seither gerne bereit, die Wache und, sofern gewünscht, auch meinen Nachfolger zu unterstützen“.
Vielleicht bleibt nun endlich mal Zeit, nach diesen sechs erlebnisreichen Jahren seine Erinnerungen zu „sortieren“. Als überaus wertvoll erachtet Niklas Wilske daneben „die vielen herzlichen Freundschaften und natürlich die Liebe zur Bürgerwehr und zu Nippes“. Und was hat er Svenja mit auf den Weg gegeben? „Vor allem ganz viel Selbstbewusstsein.“ Zugleich freut er sich auf „tolle Auftritte, die ich mir dann von der Reihe aus anschaue – als ihr größter Fan“.





