Taktgeber gehen in die 20. Session
Interessengemeinschaft „Nippeser Bürgerwehr“ aus Stammheim
Köln-Stammheim, Dienstag, 12. September 2023, Probe des Allgemeinen Schützentambourkorps Köln-Stammheim gegr. 1950. Das Wetter bereitete einen nassen Empfang, aber die fröhlichen Klänge des Musketiermarsches drangen aus der Schützenhalle hinaus und waren schon von weitem zu hören. Den Abschluss der Probe bildete der Bürgerwehrmarsch. Zufall oder Schicksal? Wohl letzteres, denn kurz darauf standen die drei Spielmänner Walter Clemens, Christoph Hugenott und Heinrich Niesen zum karnevalistischen „Klaaf un Tratsch“ bereit.
„Da geht mir jedes Mal das Herz auf, wenn sich beim Einmarsch die Bühne füllt und es gar nicht mehr aufzuhören scheint“, schwärmt Walter Clemens gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Wer hätte das vor zwanzig Jahren gedacht, als man Rosenmontag 2004 die ersten Schritte im orange-weißen Waffenrock wagte.
Jedenfalls muss dieser Auftritt großen Anklang gefunden haben, denn kurz darauf wollte die Bürgerwehr, Präsident Manfred Wolff höchstpersönlich, das Schützentambourkorps für die nächsten zehn Jahre fest verpflichten. „Solche Verträge hatten wir vorher noch nie gemacht und mussten den Manni da erst einmal bremsen“, so Walter Clemens. Als damaliger Vorsitzender des Tambourkorps berief er eine außerordentliche Versammlung ein, um mit allen Spielleuten über das Vorhaben der Bürgerwehr zu beraten und abzustimmen. Ein eher ernüchterndes Abstimmungsergebnis sei wenig später zurückgemeldet worden: Zwölf Mann seien auf jeden Fall dazu bereit, ein paar würden eventuell mal mitgehen. Doch der überwiegende Teil sei dagegen gewesen.
„Wir hatten Manni mitgeteilt, dass wir das als Verein nicht leisten können und dachten, dass wir nun raus aus der Sache sind“, so Walter Clemens. Doch wer Manfred Wolff mit seiner aktiven und hartnäckigen Art kannte, wusste, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Zwei Wochen später fragte er über den damaligen Geschäftsführer des Tambourkorps, Johannes Oepen, erneut an, ob wenigstens die zwölf Spielleute bereit seien, in Zukunft mitzumachen.
Letztendlich hat man sich auf das Abenteuer eingelassen. Das Verhältnis zwischen Flöten und Trommeln wurde als ausgeglichen angesehen. Die Interessengemeinschaft Nippeser Bürgerwehr, kurz „IG NBW“, war somit gegründet. „Da wir nicht als Tambourkorps auftraten, hat die Bürgerwehr alle Instrumente angeschafft, die wir brauchten“, erzählt Walter Clemens. Auch die Proben seien eine halbe Stunde nach der offiziellen Probe des Tambourkorps gewesen oder separat, denn anders als heute, seien Bürgerwehr- und Tambourkorpsprobe inhaltlich und personell getrennt gewesen.
Jedenfalls seien Marsch und Potpourris schnell einstudiert gewesen und man habe sich von der ersten Minute an im Kreise der Appelsinefunke wohlgefühlt.
Die musikalische Komplettierung aus Interessengemeinschaft und Blaskapelle habe die damaligen Leiter, Heinz Schneider für die Blaskapelle und Peter Brünn für die „IG NBW“ dazu bewegt, beide Teile miteinander zu verschmelzen und ab Januar 2005 unter dem Titel „Stabsmusikzug“ neu zu „firmieren“.
Seit der Session 2009/10 bildet die Interessengemeinschaft aus Stammheim mit den Musikfreunden Köln-Nippes den Stabsmusikzug, wie wir ihn heute kennen. Auch der Tambourstab wurde zeitgleich innerhalb der Truppe neu vergeben, sodass Walter Clemens seitdem das musikalische Jeckespill anführt. „Wir verstehen uns blind und harmonieren klanglich und menschlich alle sehr gut miteinander. Sinnbildlich dafür sind die herzlichen Umarmungen, die André Schneider und ich uns bei der Vorstellung auf der Bühne geben“, sagt Walter Clemens.
Wie man heute unschwer sehen und auch hören kann, hat sich diese Arbeit nachhaltig für die Gesellschaft entwickelt und Wurzeln geschlagen. Die Interessengemeinschaft ist personell stetig gewachsen. Im Jahr 2023 waren es in der Spitze knapp 30 Spielmänner aus Stammheim, dazu die Musikerinnen und Musiker der Musikfreunde Köln-Nippes. Eine geballte Kraft. „Bei uns ist es heute nicht mehr so wie in den Anfangsjahren, dass man separat proben muss. Mittlerweile hat jeder Spielmann aus Stammheim eine orange-weiße Uniform und nimmt an so vielen Aufritten wie möglich teil“, sagt Heinrich Niesen. Auch aus der Pandemie sei man gut herausgekommen und könne sich glücklich schätzen, Nachwuchs bekommen zu haben. Trotzdem sei man immer auf der Suche nach neuen Spielmännern, vor allem Flötisten.
Die gemeinsamen Busfahrten zu den Auftritten haben sich zu einem Erlebnis entwickelt, wo gesungen, gelacht und auch mal ein Fläschchen des edlen kölschen Tropfens getrunken werde.
„Dass wir den Bus haben, abgeholt und wieder nach Hause gebracht werden, ist wirklich ein Luxus, für den wir sehr dankbar sind“, meint Christoph Hugenott, der den logistischen Aufwand noch einmal verdeutlicht: „Wir starten in Stammheim, müssen durch die Sperrungen bis zur Zoobrücke, um auf die andere Rheinseite zu kommen und die Musikfreunde abzuholen. Das bedeutet auch, dass wir die Ersten sind, die losfahren und die Letzten, die zurückkommen. Das kann dann schon mal um drei Uhr nachts sein und am nächsten Morgen stehen wir um halb zehn wieder am Treffpunkt.“
Ein vorbildliches Engagement und eine Einsatzbereitschaft, die nicht selbstverständlich ist. Man müsse halt immer darauf achten, dass man spielfähig sei, denn „der letzte Auftritt muss genauso funktionieren wie der erste. Das gilt auch für Termine wo man an einem Freitag mal früher Feierabend machen muss. Die Bereitschaft ist da und unterm Strich versucht jeder es irgendwie möglich zu machen“, sagt Christoph Hugenott.
Man spüre aber auch die Wertschätzung und habe nicht das Gefühl, „nur die Musik“ zu sein. „Beim Corpsappell zum Beispiel sitzen wir mit am Tisch, werden beköstigt und bekommen den Sessionsorden“, so Christoph Hugenott. Auch zum Senat habe man ein gutes Verhältnis, wo Alex Gewehr, Udo Sitzius, Udo Kerkfeld oder auch Helmut Heinlein regelmäßig im Bus mitfahren und Markus Lambrechts sei hier als „Bindeglied“ zwischen Musik und Bürgerwehr genannt.
Karitative Termine oder Auftritte im Kölner Umland, wo sich die Leute noch freuen, wenn ein Corps kommt, seien mit großem Abstand die liebsten auf dem Spielplan. „Eine kleine Bühne, wo wir uns beim Ausmarsch unters Volk mischen und das Corps rausspielen, das hat einfach was“, so Walter Clemens.
Überhaupt ist man für jeden Spaß zu haben, denn Heinrich Niesen erinnert sich noch gut an einen besonderen Moment im Sartory, „als wir die Paveier bei der eigenen Sitzung im Sartory überraschten und zum Lied „Jo su sin mir kölsche Jecke“ mit Instrumenten von oben in den Saal marschiert sind“.
Der „Stammheimer Einfluss“ prägt die Bürgerwehr bis heute. Durch ihn wurden spontan die Pausen, wie wir sie heute kennen, musikalisch mit kölschen Liedgut gestaltet und auch so mancher Marsch zum Besten gegeben. Wir haben es hier mit ganz bodenständigen Menschen zu tun, die selbstlos seit 20 Jahren Teil dieses orange-weißen Jeckespills sind. Sie haben sich nie wichtig genommen, wollen Teil der Bürgerwehr-Familisch sein und leben das auch. Wir können uns glücklich schätzen, solche Kameraden zu haben, und immer voller Vorfreude sein, wenn der Lockmarsch erklingt. Auf die nächsten 20 Jahre. Mindestens!